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LANDESINFORMATIONEN

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Bangladesch

1. Geografie, Lage, Klima, Städte

Bangladesch ist ein Staat in Südasien. Er grenzt im Süden an den Golf von Bengalen (Teil des indischen Ozeans, 688 km Seegrenze), im Südosten an Myanmar (278 km) und wird sonst von Indien umschlossen (3699 km). Zwischen Bangladesch und Nepal liegen an der
schmalsten Stelle 22 km indisches Territorium.

Der größte Teil Bangladeschs wird vom Deltabereich der Flüsse Ganges (Padma) und Brahmaputra (Jamuna) sowie nach deren Zusammenfluss Meghna gebildet. Diese weite Ebene entstand durch Schwemmland. Sie ist unzähligen Wasserläufen durchzogen und
häufig von Überschwemmungen bedroht.

Die Hauptstadt Dhaka liegt nur sechs Meter über NN. Im Mündungsbereich des Ganges und Brahmaputra erstrecken sich Mangrovengebiete über weite Teile entlang der Küste. Naturkatastrophen – Tornados, Überschwemmungen der Flüsse, sintflutartige Regenfälle sowie andererseits Trockenperioden – haben in Bangladesch oft katastrophale Folgen; die Probleme werden durch die Klimaveränderungen verschärft. Im November 1970, also nur Monate vor Beginn des Unabhängigkeitskampfes, wurde die Küste von Bengalen von einem besonders grausamen Wirbelsturm heimgesucht. Mindestens 300 000 Menschen starben und Millionen verloren ihre Lebensgrundlagen und ihren Besitz. Im Mai 1985 fordern Sturm und Flut 10 000 Menschenleben. Sechs Jahre später starben bei einem weiteren Orkan 138 000; zehn Millionen Menschen wurden obdachlos. Danach begannen die Katastrophenschutzmaßnahmen zu greifen. Bei dem Zyklon „Sidr“ im November 2007 wurden dennoch mehr als 4000 Menschen getötet, besonders im Süden. Etwa 800 000 Wohnhäuser und andere Gebäude wurden zerstört. Im Mai 2009 macht der Zyklon „Aila“ in Shatkhira tausende Menschen obdachlos. Etwa 200 Menschen starben. Vier Jahre später zerstörte „Mahasen“ an der Küste knapp 50 000 Häuser und Hütten; er forderte nach offiziellen Angaben 17 Menschenleben. Im August 2014 führt unablässiger Regen insbesondere in Rangpur, Nilphamari und Kurigram zu Überschwemmungen und macht viele Menschen obdachlos.Ein möglicher Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter würde bereits verheerende Auswirkungen haben: Fast 30 000 Quadratkilometer Land würde überschwemmt. Mindestens 15 Millionen Menschen verlören ihre Wohnung. Schon jetzt dringt insbesondere im Südwesten Bangladeschs vermehrt salzhaltiges Meerwasser ins Land. Auf den versalzenen Böden geht der Ertrag der Reisernten rapide zurück. Verstärkt wird dieser Effekt durch die Shrimp-Farmen, die ebenfalls die Böden versalzen.

Das Klima Bangladeschs ist tropisch mit zunehmenden Niederschlägen von West nach Ost. Im Osten, in der Provinz Chittagong, befinden sich die höchsten Erhebungen (höchster Berg: Mount Keokradon mit 1234, gefolgt vom Mowdok Mual mit ca. 1003 Metern. Die Staatsfläche misst 142 000 Quadratkilometer. Das ist ungefähr so viel wie Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zusammen. Die ursprüngliche Waldvegetation ist weitgehend vernichtet, die außerordentlich hohe Bevölkerungsdichte hat zu einer umfassenden Umwandlung in Ackerland geführt, auf dem in erster Linie Reis angebaut wird. Hauptstadt ist Dhaka (12 Millionen. Einwohner). Das Land ist in sieben Divisionen eingeteilt. Hauptstädte sind neben Dhaka selbst auch Chittagong (3 Millionen), Khulna (circa eine Million Einwohner), Rajshahi, Rangpur, Barisal und Sylhet. Die Divisionen sind in insgesamt 64 Distrikte unterteilt. Die Bevölkerungszahl wurde 2012 auf 161 Millionen geschätzt.

2. Geschichte

Bangladesch (Land der Bengalen, Bangla = bengalisch + Desh = Land) bildete bis 1947 einen Teil der britischen Kronkolonie Indien. Nach der Unabhängigkeit und gleichzeitigen Teilung des Landes in einen mehrheitlich hinduistischen, säkularen Staat (Indien) und einen islamischen Staat (Pakistan) wurde das ebenfalls überwiegend islamische Ostbengalen Pakistan zugeschlagen, von dem es geographisch durch Indien über mehr als 2000 Kilometer getrennt war. Westbengalen kam zu Indien. Trotz der Verbundenheit durch die islamische Religion trennten Westpakistan und Ostpakistan sprachlich und kulturell Welten. Zudem waren Bengalen sowohl im Militär als auch in der Staatsverwaltung stark unterrepräsentiert.

1957 erreichte die Volksbewegung für die Gleichberechtigung der bengalischen Sprache mit dem pakistanischen Urdu einen Höhepunkt. Als sie ohne Erfolg blieb, stellte Scheich Mujibur Rahman, der charismatische Führer der ostpakistanischen Awami-Liga, zusätzlich die Forderung nach weitestgehender Autonomie für Ostpakistan. Nach dem Rücktritt von Präsident Mohammed Ayub Khan 1968 sah sein Nachfolger General Yahya Khan in einer angespannten politischen Situation keine Alternative zur Ausschreibung der ersten freien Wahlen in Gesamtpakistan seit der Staatsgründung. Angesichts des Erdrutschsieges der Awami-Liga im Osten und der Bevölkerungsverhältnisse in beiden Landesteilen hätte dies zu einer ostbengalischen Regierung für den Gesamtstaat führen müssen. Dies stieß in Westpakistan vor allem beim dortigen Wahlsieger Zulfikar Ali Bhutto und der westpakistanischen Armee auf Widerstand. Sie entschlossen sich zu einer gewalttätigen Unterdrückung der separatistischen Bewegung und vor allem der bengalischen Eliten. Nur einen Tag nach der Machtübernahme der Armee proklamierte Mujibur Rahman am 26. März 1971 (jetzt Nationalfeiertag) die Unabhängigkeit des Landes. Die Entscheidung im anschließenden Befreiungskrieg fiel aber erst durch das Eingreifen Indiens (3. – 16. Dezember 1971). Am 17. Dezember 1971 erlangte Ostpakistan völkerrechtlich die Unabhängigkeit und gab sich den Namen Bangla Desh. Der Unabhängigkeitskrieg wurde sehr blutig und mit riesigen Opfern in der Zivilbevölkerung geführt. Nach Darstellung der Regierung von Bangladesch kostete er drei Millionen Bangladeschis das Leben. Mehr als 20 Millionen Einwohner flohen nach Indien. Viele sahen die unermessliche Zahl an Flüchtlingen nach Nordostindien als eigentlichen Grund für das indische Eingreifen in den Konflikt.Die Massaker der pakistanischen Armee und ihrer Verbündeten an Zivilisten sind bis heute nicht verwunden.

Die Volksrepublik Bangladesch wurde als ein säkularer Staat gegründet. Außerdem wurden die Parteien, die auf der Seite Pakistans gekämpft hatten und für den Genozid an den Bengalen mitverantwortlich waren – Muslim Liga, Jamaat-e-Islami, Nizam-Islam, Pakistan
Democratic Party – verboten.

Scheich Mujibur Rahman, der „Vater der Nation“ („Bangla Bandhu“), bildete mit seiner Awami-Liga die erste Regierung Bangladeschs. Als es 1974 im Anschluss an eine schwere Überschwemmungskatastrophe zu Unruhen kam, verbot er am 15.Januar 1975 kurzerhand die anderen Parteien. Daraufhin putschten 1975 oppositionelle Offiziere. Scheich Mujibur Rahman, fast seine gesamte Familie und zahlreiche Minister wurden ermordet. Nach weiteren Militärcoups übernahm General Ziaur Rahman die Regierung. Es folgten Jahre der Diktatur, die durch wiederholte Staatsstreiche abgelöst wurden. Gegen Ende wurden die verbotenen Parteien wieder zugelassen – auch jene, die bei der Staatsgründung verboten worden waren. Der Islam wurde Staatsreligion. 1990 begann eine Volksbewegung für die Rückkehr zur Demokratie, die mit dem Sturz des Diktators Hussain Mohammed Ershad endete. Bei der anschließenden Parlamentswahl siegte die Bangladesh Nationalist Party (BNP) unter Begum Khaleda Zia. Ershad gründete seine eigene Party, die Jatya Dal.

3. Bevölkerung

3a. Bevölkerungszahl und Bevölkerungsentwicklung

Mit 143 Millionen Einwohnern (Stand 2005) ist Bangladesch das siebtbevölkerungsreichste Land der Erde und mit einer Bevölkerungsdichte von ca. 1000 Menschen je Quadratkilometer auch der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt. Lediglich 26 Prozent der Einwohner leben in Städten. Das Bevölkerungswachstum (Veränderung der Bevölkerungszahl in einem Jahr in Prozent der Bevölkerungszahl am Anfang des Jahres) hat von mehr als drei Prozent im Jahr 1975 auf derzeit 1,5 Prozent abgenommen.

3b. Ethnische Zusammensetzung und Sprachen

Im Gegensatz zu den anderen Staaten Südasiens ist Bangladesch ethnisch relativ einheitlich. Etwa 96 Prozent der Bevölkerung sind Bengalen mit Muttersprache Bengali. In der Mittel- und Oberschicht ist Englisch als Bildungssprache weit verbreitet. Hinzu kommen zahlreiche indigene Minderheiten wie die Chakma, Marma, Tripura, Tanchangya, Mro, Murung, Lushai, Khumi, Chak, Khyang, Bawm, Pankhua, und Reang in den Chittagong-Bergen, die Santals, Garos und andere in der Ebene sowie Flüchtlinge wie die aus Indien eingewanderten Biharis und die aus Myanmar geflohenen Rohingyas. Die Biharis (ein Prozent) kamen nach 1947 aus religiösen Gründen in Folge der Teilung Britisch-Indiens aus Bihar und anderen indischen Bundesstaaten in das damalige Ostpakistan.
Viele sprechen Urdu, die Staatssprache Westpakistans. Bei den indigenen Gruppen sind Munda-Sprachen, Mon-Khmer-Sprachen und Sprachen tibeto-germanischer Abstammung anzutreffen.

3c. Religionen

Der Großteil der Bevölkerung, 88 Prozent, bekennt sich heute zum Islam, gefolgt vom Hinduismus mit 10 Prozent und dem Buddhismus mit einem Prozent. Außerdem sind christliche Religionen (0,3 Prozent) und animistische anzutreffen.Die Teilung des indischen Subkontinents 1947 ging für Ostbengalen, das heutige Bangladesch, einher mit dem Exodus eines Großteils der hinduistischen Bevölkerung. Millionen verließen das Land. 1992 nach den religiösen Kämpfen im indischen Ayodhya und 2001 nach den Parlamentswahlen kam es im Anschluss an Ausschreitungen zu neuen Flüchtlingswellen unter den Hindus. Auch heute noch sinkt der hinduistische Bevölke rungsteil durch Abwanderung nach Indien. Er betrug ehemals mehr als ein Drittel, und die Tendenz ist weiterhin fallend. Nach wie vor gibt es in Bangladesch ein Gesetz (Vesting Property Act), das es dem Staat ermöglicht, Hindus, die das Land verlassen haben, zu enteignen.

Die Mehrzahl der Muslime in Bangladesch sind Sunniten; als kleine Minderheiten sind Schiiten, Sikhs und Ahmadiyyas anzutreffen. Diese werden – ebenso wie sunnitische Muslime, die nach Ansicht von Fundamentalisten nicht fundamental genug sind – z. T. bedroht. Am 8. Januar 2004 hat die Regierung Bangladeschs alle Ahmadiyya-Publikationen verboten. Inzwischen hob ein Urteil des obersten Gerichts das Verbot jedoch auf. Fatwas werden weiterhin verhängt, obwohl dies gesetzlich verboten ist. Sie richten sich meist gegen Frauen. Als Fatwa wird ein Rechtsgutachten bezeichnet, in dem ein islamischer Geistlicher die Scharia auslegt. Todesurteile sind nicht ausgeschlossen. Koranschulen, genannt Madrassahs, sind weit verbreitet. Zum Teil werden sie von Fundamentalisten geleitet und von Saudi-Arabien unterstützt.

3d. Frauen

Frauen sind in einigen Bereichen nicht nur faktisch, sondern auch gesetzlich benachteiligt – z. B. bei der Beteiligung am Familienvermögen und im Erbrecht. Gewalt gegen Frauen ist weit verbreitet. 63 Prozent der Frauen geben an, zu Hause Gewalt zu erfahren, 60 Prozent der Männer finden diese Gewalt gerechtfertigt. Frauen sind stärker von Armut betroffen; viele leiden unter Lebensmittelmangel, weil Frauen und Mädchen in einem Haushalt oft schlechter zu essen bekommen.

4. Bildung

Mit der Gründung des Staates Pakistan wurde ein Schulwesen nach britischem Vorbild eingerichtet, mit fünf Jahren Grundschule, drei Jahren Mittel- und zwei Jahren High School. Dieses System wurde auch in Bangladesch beibehalten. Der erfolgreiche Abschluss der High School berechtigt zum Besuch einer staatlichen oder privaten Universität.

In Bangladesch gibt es den staatlichen und privaten Schulen auch solche, die von NGOs betrieben werden.

Der Anteil der Analphabeten beträgt bei den über 15-Jährigen 46,6 (Frauen) bzw. 38% (Männer, Daten von 2013). Bei den 15-24-Jährigen liegt er deutlich darunter. Zu den privaten Schulen gehören auch die zahlreichen Madrasahs, in denen der Unterricht vollkommen unter religiösem (islamischen) Gesichtspunkt erteilt wird, z.T. auf arabisch. Diese Schulen stellen oft kostenlosen Unterricht, Essen und Unterkunft zur Verfügung.

In Bangladesch gibt es ca. 100 staatliche und private Hochschulen. Die Bachelor-Ausbildung dauert vier Jahre, der Abschluss zum Master sechs Jahre.

Alle großen Parteien habe eine Studentenorganisation (AL: Bangladesh Chhatra League, BNP: Bangladesh Jatiotabadi Chatra Dal, Jamaat-e-islami: Bangladesh Chhatra Shibir). Sowohl zwischen diesen Studentenorganisationen als auch zwischen den Fraktionen innerhalb dieser Verbände kommt es immer wieder zu blutigen Zusammenstößen.

5. Politik

5a. Allgemein

Bangladesch wurde als demokratische Republik und säkularer Staat gegründet. Seit 1988 ist der Islam Staatsreligion. Zugleich besteht jedoch das Recht auf freie Ausübung der Religion. Im Familienrecht werden Unterschiede zwischen Mitgliedern verschiedener Religionen gemacht, z. B. bei Heirat, Scheidung und Adoption. Ein Verbot für Ehen zwischen Menschen verschiedener Glaubensrichtungen gibt es jedoch nicht.

Bangladesch ist ein Zentralstaat mit von der Zentralregierung eng beaufsichtigten Verwaltungseinheiten auf den Ebenen Division (6), Distrikt (64), Upazilla, Union und Dorfgemeinde.

5b. Die Legislaturperioden seit 1991

Die ersten freien Wahlen nach der Demokratiebewegung führten Anfang 1991 zu einem Sieg der Bangladesh Nationalist Party (BNP). Begum Khaleda Zia, Parteivorsitzende und Witwe des ermordeten Militärdiktators Zia ur-Rahman, wurde Ministerpräsidentin. Fünf Jahre später sollten erneut Parlamentswahlen stattfinden. Zuvor forderte jedoch die von Scheich Hasina Wajed geführte Opposition den Rücktritt der Regierung und die Einrichtung einer neutralen Übergangsregierung. Khaleda Zia lehnte ab. Darauf boykottierten Awami League (AL), Jatya Dal und mehrere kleinere Linksparteien die Parlamentswahl.

Diese wurde trotzdem durchgeführt. Schlussendlich erzwang die Opposition jedoch in einem mehrwöchigen Streik den Rücktritt der Regierung. Erstmals wurde tatsächlich eine neutrale Übergangsregierung eingerichtet. Die anschließenden Neuwahlen am 12. Juni 1996 führten zu einem Regierungswechsel. Die AL unter Scheich Hasina, einer Tochter des Staatsgründers Mujibur Rahman, gewann aus der Opposition heraus. Scheich Hasina Wajed wurde Ministerpräsidentin einer Koalitionsregierung. Wieder fünf Jahre später brachten die Wahlen zum 1. Oktober 2001 folgendes Ergebnis: BNP 193 von 300 Sitzen (1996: 116), AL 62 (146), Jamaat-e-Islami 17 (3), Jatiya Dal/Ershad 14 (32), Jatiya Dal/Naziur 4 (-), Sonstige 4 (2), Unabhängige 6 (1). Begum Khaleda Zia wurde abermals Ministerpräsidentin und regierte mit einer Vier-Parteien-Allianz. Neben der säkularen BNP und der Jatiya Party (Naziur Firoz-Flügel) gehören mit der Jamaat-e-Islami und der Islami Oikya Jote erstmals auch islamisch orientierte Parteien der Regierung an – mit der Jamaat-e-Islami auch eine Partei, die für den Genozid während des Unabhängigkeitskampfes mitverantwortlich gemacht wird.

Mahfuz Anam, angesehener Chefredakteur des »Daily Star«, der größten englischsprachigen Tageszeitung in Bangladesch, sagt, woran die Demokratie in seinem Land krankt: »Unsere Parteien sind schlechte Botschafter der Demokratie, weil sie selbst undemokratisch organisiert sind.« Kleine Cliquen um die jeweiligen Parteivorsitzenden bestimmen die gesamte Politik – und wie viel Geld in welche privaten Kassen fließen darf. Die Korruption geschieht in einer so offensichtlichen Form, dass die Bevölkerung seit der durch einen Volksaufstand erkämpften Wiedereinführung der Demokratie 1991 praktisch in jeder Wahl die bisherige Regierung in die Opposition geschickt hat.
AI kritisiert vor allem, dass Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen ungeahndet bleiben, wenn die Täter der jeweiligen Regierung nahe stehen. Dies führt zu einem Klima wachsender politischer Gewalt.

5c. Übergangsregierung und Notstand

Anfang 2007 sollte erneut eine Parlamentswahl stattfinden. Wie es zwischenzeitlich in der Verfassung vorgesehen ist, wurde am 30. Oktober 2006 eine Übergangsregierung eingesetzt. Die AL protestierte massiv gegen den designierten Leiter der Übergangsregierung, so dass Staatspräsident Iajuddin Ahmed (BNP) dieses Amt nach vielem Hin und Her selbst übernahm. Der Protest der Opposition ging weiter, weil auch er sowie der Leiter der Wahlkommission als parteiisch abgelehnt wurden. Trotzdem wurde die Wahl auf den 28. Januar 2007 festgesetzt. Eine vom US-amerikanischen National Democratic Institute (NDI) durchgeführte Untersuchung stellte fest, dass 12,2 Millionen Wähler in den Wählerlisten doppelt oder fiktiv waren, was den Vorwurf der Opposition bestätigte. 19 Oppositionsparteien unter Führung von Scheich Hasina Wajed riefen zum Wahlboykott und zum Generalstreik am Wahltag auf. Die Gewalt im Lande nahm zu. Am 11. Januar rief Präsident Iajuddin Ahmed den Notstand aus. Er verschob die Parlamentswahl auf unbestimmte Zeit. Wohl auf Druck des Militärs trat er als Chef der Übergangsregierung zurück und setzte Fakhruddin Ahmed als Nachfolger ein. Mit der Wahl sei nicht vor Ende 2008 zu rechnen, heißt es. Die Übergangsregierung wird von der Armee gestützt.

Die Übergangsregierung geht seit Beginn gegen die Korruption im Lande vor und nimmt viele Verhaftungen – auch innerhalb der politischen Elite und der Geschäftswelt – vor. Das brachte ihr zunächst viele Sympathien ein; es führte jedoch auch zu Beeinträchtigungen im Wirtschaftsleben sowie zu großen Zweifeln bei vielen Anklagen, ob sie gerechtfertigt sind.

2007 wurde ein indigener Aktivist getötet, 50 weitere verhaftet – in der Regel aufgrund von Falschanklagen.

Die Todesstrafe wurde 2007 erneut mehrere Male verhängt und auch einige Male ausgeführt. Unter anderem wurden sechs führende Extremisten mit islamistischem Hintergrund wegen unterschiedlicher Terrorakte hingerichtet. An der Dhaka Universität kam es im Sommer zu Demonstrationen gegen die Verhaftungen der ehemaligen Premierministerinnen Scheich Hasina Wajed und Khaleda Zia. Zusammenstöße zwischen Studenten und der Armee forderten ein Todesopfer und Hunderte Verletzte. Die Regierung zog daraufhin das Armeelager von dem Universitätsgelände zurück. 50.000 bis 80.000 Personen wurden angeklagt.

Nach wie vor genießt eine Gruppe extreme Straffreiheit: Das Rapid Action Bataillon (RAB), von der Regierung geschaffen, um »die größten Kriminellen« endlich dingfest zu machen, ist für Hunderte außergerichtliche Hinrichtungen verantwortlich. Die schwarz gekleideten, martialisch auftretenden »RABs« sind gefürchtet. Nur wenige, die sie gefangen nahmen, sind mit dem Leben davongekommen. Meist werden die vermeintlichen Kriminellen streng verhört und gefoltert. Nach Angaben der Behörden führen sie anschließend ihre Peiniger bereitwillig zu den Waffenverstecken ihrer Bande, wo sie bereits von angeblichen Gesinnungsgenossen erwartet werden. Es kommt zum Feuergefecht (»crossfire«), bei dem der Verhaftete fast immer stirbt. Hunderte von Verhaftungen endeten auf diese Weise. Die Verantwortlichen machten sich nicht einmal die Mühe, die Geschichte zu variieren.

5d. Medienfreiheit

Die Grundrechte wurden mit Inkrafttreten des Ausnahmezustandes im Januar 2007 eingeschränkt, so auch das Recht auf politische Betätigung und de facto die Pressefreiheit. Zwar wird über vieles in den Medien berichtet; auch durchaus negative Mitteilungen und
Kommentare zur Übergangsregierung sind zu finden. Auf der anderen Seite sind Journalisten verhaftet worden, und der TV-Sender CSB, der einzige, der rund um die Uhr sendet, wurde geschlossen. Wie auch die Vorgängerregierungen der BNP/Jamaat-e-Islami bzw. der AL scheut sich die Regierung nicht, die Veröffentlichung bestimmter Nachrichten anzuweisen.

5e. Außenpolitik

Die auf Bangladeschs Initiative zurückgehende regionale Zusammenarbeit der acht Staaten Bangladesch, Bhutan, Indien, Malediven, Nepal, Pakistan, Afghanistan und Sri Lanka führte im Dezember 1985 zur Gründung der „South Asian Association for Regional Cooperation“ (SAARC). Im Jahre 2005 trat Afghanistan der Organisation bei.

Bangladesch ist Mitglied der 2006 vereinbarten Freihandelszone SAFTA (South Asian Free Trade Area), die eine Erweiterung der wirtschaftlichen Beziehungen über die Aktivitäten der SAARC hinaus erreichen soll. Angestrebt wird der schrittweise Abbau von Zöllen und Handelsbarrieren bis ins Jahr 2017 und die Zusammenarbeit bei gemeinsamen Infrastrukturprojekten, in der Energiepolitik und im Tourismus. Außerdem ist Bangladesch Mitglied im Commonwealth.

Indien baut seit Jahren an einem mit Stacheldraht gesicherten vier Meter hohen Grenzwall, welcher die 4.000 km lange Grenze gegen illegale Migration aus Bangladesch abriegeln soll; er ist zu einem Großteil bereits fertig gestellt. In Indien leben schätzungsweise
20 Millionen Bangladeschis.

6. Wirtschaft

Bangladesch ist ein agrarisch geprägtes Entwicklungsland: 56% der Erwerbstätigen arbeiten in der Landwirtschaft und Fischerei (Fischprodukte (Shrimps), Reis, Kartoffeln, Mango u.a.), der Anteil am BIP liegt aber nur bei 23%. Wichtiger sind die Industrie (25%) und der Dienstleistungssektor (52%).

Im Human Development Index belegt B. Platz 142 von 187. Einen ähnlichen Platz nimmt es im Korruptions-Index von Transperancy International ein (145 von 174). Das Wirtschaftswachstum betrug in den letzten Jahren 5-6%. Ausgaben im Staatshaushalt von 24 Mrd. US-$ standen 2013 Einnahmen von 17,2 Mrd. US-$ gegenüber. Die Abhängigkeit von ausländischer Entwicklungshilfe hat gegenüber früher deutlich abgenommen (2010: 2%).

Wichtigster Industriezweig ist die Textilindustrie; B. Ist nach China weltgrößter Exporteur von Textilien, hauptsächlich nach Europa und die USA. In diesem Wirtschaftsbereich sind ca. 3,5 Mio. Personen beschäftigt, davon etwa 80% Frauen, die wiederum etwa 20 Mio. Personen versorgen. Die Arbeitsbedingungen in den meisten Fabriken sind geprägt von niedrigen Löhnen, schlechten Arbeitsbedingungen und Gefahren. So brannte im Dezember 2013 die Tazreen-Textilfabrik aus, wobei mind. 117 Personen um Leben kamen, und beim Einsturz des sog. Rana-Plaza-Gebäudes im April 2014 verloren über 1.100 Personen ihr Leben.

Unter dem Eindruck dieser Unglücke und dem Druck ausländischer Regierungen und NGOs hat die Regierung erste Maßnahmen ergriffen, die Sicherheit der TextilarbeiterInnen zu verbessern. Diese werden allerdings nur sehr schleppend umgesetzt. Auch wurde der Mindestlohn von ca. 28 € mtl. auf 50 € erhöht, aber auch diese Erhöhung ist unzureichend, da die meisten Beschäftigten ganze Familien ernähren müssen.

Immer wieder kommt es zu Demonstrationen und Streiks in der Textilindustrie, die mitunter gewaltsam unterdrückt werden. Politisch bedingte Hartals – gewaltsam ausgetragene politische Streiks – legen oft das gesamte Wirtschaftsleben lahm, da dabei der öffentliche und wirtschaftliche Verkehr zum Erliegen kommt.

7. Armut und Entwicklung

In Bangladesch lebt die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze (mit weniger als 2.120 Kalorien pro Tag), ein Drittel sogar in extremer Armut (weniger als 1.805 Kalorien). Die absolute Zahl der armen Menschen ist seit 1970 konstant geblieben, relativ zur Bevölkerung gibt es allerdings jetzt weniger Arme. Nach einer Studie der Dhaka Universität, die die Kalorien pro Person und nicht pro Haushalt misst, sind sogar 66 Prozent der Bevölkerung absolut arm, das sind 90 Millionen. Der Abstand zwischen Arm und Reich nimmt in Bangladesch wie in anderen asiatischen Ländern zu.

In den vergangenen zehn Jahren konnte Bangladesch beachtliche Entwicklungserfolge aufweisen – im Bildungs- und Gesundheitsbereich sowie auch im Kampf gegen Armut. Dazu haben insbesondere NGOs (Nichtregierungsorganisationen) beigetragen. Sie sehen sich allerdings Repressionen ausgesetzt, so dass die Erfolge gefährdet sind.

Ein – umstrittenes – Mittel gegen Armut sind Mikrokredite, Kleinkredite für Menschen, die normalerweise von keiner Bank einen Kredit bekommen. Prof. Mohammed Yunus und seine Grameen Bank wurden dafür berühmt. Yunus erhielt 2006 den Friedensnobelpreis.
Die Weltbank erneuert den Druck auf die bangladeschische Regierung, Importzölle zu senken, Privatisierungen von Banken und anderen Staatsunternehmen zu forcieren und die Energiepreise stärker an die Marktpreise anzupassen. Das alles sind Voraussetzungen für weitere Kredite. Gegen diese Forderung gibt es Widerstand bei Ökonomen, Gewerkschaftern, Unternehmen sowie NGOs. Die wirtschaftliche Souveränität des Landes solle nicht aufs Spiel gesetzt werden. Zudem solle sich Bangladesch nicht in die Schuldenfalle
treiben lassen.